2017 I RESEARCH DIARY

SIE STARB KURZ UND SCHMERZLOS - WIE GEPLANT.
GANZ LEGAL, VON DER HAND EINES JÄGERS.

Bild Gun oder Jäger P.M.

"am einfachsten wäre es wohl mit einer Luftdruckpistole! So kann man direkt aufs Gehirn zielen und blitzschnell das Nervensystem zerstören“, informierte mich der Jäger P. M. am Telefon. Auf meine moralischen Bedenken, dass ich wohl die Auftraggeberin wäre und er nun der Auftragsmörder konterte mein Jägerskomplize und angehender Förster: „is jo nua a Viech…“
Mit einem gelassen fröhlichen „der werd ma des Rüberl gschmeidig wegzünden“ verabschiedete sich mein jagender Mordkomplize am Telefon und wir trafen uns erst zu besagter Schlachtungsaktion in seiner Küche wieder.

Doch warum muss die Schmuckschildkröte überhaupt sterben?

DER HINTERGRUND

Unsere heimische Biodiversität ist bedroht. Wir befinden uns mitten im sechsten großen Massensterben von Arten, das durch unseren menschlichen Einfluss in enorm kurzer Zeitspanne passiert. Studien zeigen, dass diesbezüglich die Belastungsgrenze unseres Planeten schon ausgeschöpft sind.
Unter anderem bringen invasive Arten unsere sensiblen Ökosysteme aus dem Gleichgewicht. Sogar auf politischer Ebene wurde der Verlust an Biodiversität in der EU als offizielles Problem anerkannt und in einer Resolution die Mitgliedsstaaten dazu verpflichtet, unter anderem die Ausbreitung von als invasiv gelisteten Arten aktiv einzudämmen.
Leider werden meist nur in kommerziell relevanten Bereichen Maßnahmen getroffen. Es scheint als sei Naturschutz zu unökonomisch und Langzeitfolgen werden ignoriert.

Bild Globalisierung

INVASIVE SPEZIES

... wie beispielsweise die nordamerikanische Schmuckschildkröte, sind Tier- und Pflanzenarten, die beabsichtigt oder unbeabsichtigt durch Menschen in Ökosysteme eingeführt werden, in denen sie normalerweise nicht vorkommen und oft keine natürlichen Feinde haben. Dort breiten sie sich meist unkontrolliert aus und haben negative Auswirkungen auf ihren neuen Lebensraum und die lokale Biodiversität. Invasive Spezies zeichnen sich dadurch aus, dass sie sehr wettbewerbsstark sind und auch in widrigen Lebensbedingungen gut zurechtkommen. Sie pflanzen sich schnell fort und konkurrieren in ihren neu eroberten Gebieten oft mit heimischen und seltenen Arten, denen sie Raum und Ressourcen abzwingen. Außerdem profitieren viele auch vom Klimawandel, durch den ökologische Nischen freiwerden, die sofort von den Invasoren besiedelt werden können.

Bild Messer und Gabel

Ist also der logische nächste Schritt, um diese ökologische Problematik für ein breites Publikum interessant zu machen und diese Invasoren langfristig zu reduzieren, sie in den ökonomischen Kreislauf einzubinden?
Invasive Arten sind eine schnell nachwachsende Ressource. Was würde sich also besser dafür eignen sie aus der Umwelt wegreduzieren, als sie einfach aufzuessen? – ein methodologisches Experiment!

Ich habe mich also auf die Suche nach verzehrbaren Eindringlingen gemacht – und bin fündig geworden.

Der WASCHBÄR wurde vor Jahrzehnten zur Pelzzucht nach Mitteleuropa gebracht. Es war billiger das Tier zu züchten, als den Pelz zu importieren. Doch der Waschbär ist ein äußerst schlauer Gefährte und so mancher hat sich den Weg in die Wildnis gebahnt, wo er seither sein Unwesen treibt und z.B. die Nester von bodenbrütenden Vögeln leerfrisst. Mode aus Langhaarpelz ist längst Geschichte, der Waschbär jedoch ist geblieben.
Waschbären gehören ist Österreich zum jagdbaren Wild, sie zum Verzehr vorzuschlagen ist also kein Problem.

Der JAPANISCHE STAUDENKNÖTERICH wurde als Futterpflanze für Wildtiere eingeführt. Er hat diesen nur leider nicht geschmeckt. Seither verbreitet er sich unaufhaltsam und wirkt sich sogar negativ auf Grundstückpreise aus, da er so wuchskräftig und kaum zu kontrollieren ist.
Das aus Asien stammende DRÜSIGE SPRINGKRAUT wurde vielfach von Imkern verbreitet, da es so wachstumsstark und nektarreich ist und herrlich für die Honigproduktion. Bienen und speziell auch Hummeln merken sich aber diese reichhaltigen Futterquellen. Folglich werden andere, unproduktivere Pflanzen nicht mehr bestäubt und können sich so weniger fortpflanzen. Ein moralisches Dilemma: was gut für die Bienen ist, selbst eine gefährdete Spezies, ist wiederum schlecht für andere bedrohte Arten.

Und die liebe SCHMUCKSCHILDKRÖTE aus unserem Rezept? Sie wird hauptsächlich von Urlaubern als Haustier nach Österreich gebracht. Der Import und Verkauf der Schmuckschildkröte auf dem Handelsweg ist schon seit vielen Jahren verboten. Also wird sie einfach in Spanien oder Kroatien als kleine Kröte eingepackt und illegal mitgenommen, bis sie dann im heimischen Aquarium so groß wird, dass man sie dann doch lieber in die Donauauen bringt, um ihr ein schöneres Leben mit mehr Platz zu bieten.
Dort macht sie dann der gefährdeten europäischen Sumpfschildkröte, unserer einzigen heimischen Schildkrötenart, Futterquellen, Nist- und Sonnenplätze abspenstig.

Bild Google?

DER MENSCH

hat also die meisten dieser nun invasiven Spezies in unsere Breiten hergebracht, weil er sich von ihnen einen wirtschaftlichen Nutzen versprach, ohne über ökologische Zusammenhänge und Konsequenzen nachzudenken.

Suppe von der invasiven Schmuckschildkröte, Waschbärenbraten mit Sprossen vom Japanischen Staudenknöterich, sowie Dessert vom Drüsigen Springkraut stehen also auf dem Speiseplan einer nahen Zukunft.
Das invasive Menü – ein simples Konzept - nur bei der Schmuckschildkröte wurde plötzlich alles sehr kompliziert… Aber warum?
Invasive Arten zu essen ist ökologisch gesehen für einen guten Zweck: zum Schutz unserer Biodiversität!

Weshalb also das wochenlange Zweifeln, ob ich es wirklich tun soll?
Mein Ziel war mir bewusst: das ist der Preis für unsere ökologischen Fehler – die Kröte muss sterben!
Trotzdem habe ich dann gegoogelt, wie intelligent Schildkröten sind, und war sehr froh herauszufinden, dass sie wohl nicht zu den Spitzenreitern in Sachen kognitiver Fähigkeiten und sozialer Intelligenz gehören.
Aber warum überhaupt diese Hemmungen, eine neue Tierart zum Verzehr vorzuschlagen?
Mein letztes Schnitzel aß ich ohne eine zu Sekunde hadern. Dabei sind manchen Studien zufolge Schweine schlauer als Hunde und haben kognitive und soziale Fähigkeiten, die die von so manchen Primaten übersteigen.
Doch wir sind so weit entfernt von der Fleischproduktion, dass diese Tiere nur eine abstrakte Ressource für uns sind. Die Schildkröte hingegen ist ein Haustier, ein exotisch magisches Wesen, das nicht auf den Teller gehört. Doch wer bestimmt, was auf den Teller kommt?

Der Tod

Wie man eine Schildkröte nun ethisch korrekt tötet konnte mir nicht einmal die Amtstierärztin von Wien sagen. „Das Tier darf nicht leiden“ – ist die höchste Prämisse - deshalb sind laut Tierschutzgesetz nur gewisse Arten der Tötung erlaubt. Das war mir wichtig – wenn sie schon sterben muss, dann artgerecht.
Wobei, so genau konnte mir das auch keiner sagen, nur der Tierarzt von Schönbrunn war sich sicher, dass das nur „sachkundige Personen“ machen dürften, dazu zählen: Tierärzte, Jäger und Metzger. Er selbst konnte mir aus moralischen Gründen hier nicht weiterhelfen.

„Ist das nicht illegal?“ war meist die entsetzte Gegenfrage als ich mich in Asiashops erkundigte, ob sie denn schon einmal Schildkröte zubereitet hätten.
Ja, richtig - Schildkrötensuppe von der Europäischen Sumpfschildkröte ist verboten, da diese vom Aussterben bedroht ist und unter Schutz steht - nicht aber von der invasiven Schmuckschildkröte.
Viele Menschen erkennen den Unterschied zwischen der einen und der anderen Schildkrötenart kaum. Die meisten wissen nicht einmal, dass es überhaupt eine heimische Schildkrötenart in Österreich gibt! Man muss sich schon mit der Materie befasst haben, um zu wissen, dass man die eingeschleppten Schmuckschildkröten an ihren roten oder gelben Flecken an den Wangen erkennt.

„Verkaufen darf ich sie grundsätzlich seit diesem Sommer nicht mehr“ berichtet ein Verantwortlicher im Einsammeln von Fundtieren „oder besser gesagt darf ich sie nicht mehr lebend in Umlauf bringen. Ich darf sie nur unter der Bedingung verkaufen, dass sie getötet wird. Und getötet werden darf sie laut Tierschutzgesetz nur, wenn dies einem notwendigen Zweck dient, wie beispielsweise sie zu Lebensmitteln zu verarbeiten.
Ich war auch schon bei Chinarestaurants im Bezirk und habe gefragt, ob jemand Schildkröten für Suppe haben möchte. Wurde aber von allen dankend abgelehnt.“

Ich war schockiert – meine Idee, meine Provokation, invasive Tier- und Pflanzenarten zu essen, um sie aus unserer Umwelt „wegzureduzieren“, eilte mir in der Realität voraus. Aber die letzte Konsequenz sollte also mir überlassen bleiben…

Während der Wochenlangen Phase des Zweifelns, ob ich nun ein Lebewesen aktiv ins Jenseits befördern soll, hatte ich Zeit, mich mit technischen Details zu befassen. Den im Vorfeld eigens entwickelten Küchentools und meiner Vermutung, dass der Panzer wohl sehr hart sein würde hatte ich zu verdanken, dass wir beim Schlachten dann eine Art Hammer und Meißel zur Verfügung hatten. Mit einem scharfen Messer konnten wir die Gliedmaßen schließlich aus dem offenen Panzer lösen.
Eine gute Stunde und einen Nachbesprechungskaffe später war ich also wieder am Weg nach Hause, mit einem leeren Panzer und einer kleinen Dose Fleisch.

Die Debatte

Müssen wir also unsere Konsumparadigmen hinterfragen, wenn wir unsere „ursprüngliche“ Wildnis bewahren wollen?
Können wir unsere ökologischen Fehler einfach wegessen? Oder wäre das nur eine späte Rechtfertigung für unser schlampiges Verhalten, nur ein Versuch, wieder am Ende die Spezies zu sein, die profitiert?
Und was bedeutet überhaupt „natürlich“ im Zeitalter des Anthropozän?

Scientific Advisors and Experts

Franz Essl (Umweltbundesamt)
Stefan Dullinger (Conservation Biology Uni Wien)
Gerald Oitzinger (Nationalpark Donauauen)
Klaus Hackländer (Wildwirtschaft Boku)
Rosemarie Parz-Gollner (Wildwirtsch. Boku)
Eduard Hochbichler (Forstwirtschaft Boku)
Johannes Gepp (Naturschutzbund)

Martin Polaschek